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Alain Zanchetta - Design im Spannungsfeld

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  • Filler Rob web
    Rob Filler
    Copywriter

Produkte, die auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingehen: Ist das Wohltat oder Diskriminierung? Der Produktdesigner Alain Zanchetta hatte den Mut, sich in dieses Spannungsfeld hineinzuwagen. Und ihn dabei fast verloren.

Menschen in Rollstühlen haben alle Hände voll zu tun. Der Tessiner Designer Alain Zanchetta kann das in seinem privaten Umfeld gut beobachten: Unter seinen Bekannten und Verwandten sind einige auf den Rollstuhl angewiesen. Deren Hände verrichten Schwerstarbeit, um das Gefährt in Bewegung zu halten. Zudem werden die Hände für die ganz normalen Dinge des Lebens gebraucht. Schon das einfache Mitnehmen von Gegenständen verlangt dem Rollstuhlfahrer einiges ab. Da werden Einkäufe in Supermärkten oft zum Balance-Akt.

Im Sommer vor zwei Jahren hatte Zanchetta die zündende Idee. Eine Tasche, die durch einen abnehmbaren Extraboden zu einem praktischen Beingepäck wird: zu einem Leder-Tablett, in das man Dinge schnell und sicher ablegen und damit sofort weiterfahren kann. Kein umständliches Verstauen. Kein Jonglieren.

„Trasporta“, so der Name der Tasche, hat aber einen noch viel überzeugenderen Vorteil: Sie ist schick und modern. Eben nicht bloss „für Rollstuhlfahrer gemacht“, sondern für alle, die schöne Taschen lieben. Alain Zanchetta hat damit genau das verwirklicht, was „Inclusive Design“ und „Universal Design“ für ihn ausmachen: Flexibel. Einfach. Und vor allem: nicht diskriminierend.

So weit, so gut gemeint.

Der raue Wind der Realität blies dem jungen Designer schon bald ins Gesicht. Zanchetta wollte das Produkt gemeinsam mit Rollstuhlfahrern erproben und verbessern – im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Er bot mehreren Querschnittgelähmten ein Exemplar kostenlos zum Ausprobieren an. Die Tasche fand großen Zuspruch und sogar erste Fans. Doch es gab auch einzelne Tester, die das Produkt, vielmehr die Idee dahinter, überhaupt nicht gut fanden: „Wir brauchen keine Hilfe, und erst recht keine Behindertentasche!“ war einer der Kommentare. „Der Behinderte bist du“, war ein anderer. Zanchetta, selbst von Geburt an gehbehindert, trafen diese negativen Urteile sehr: „Ich dachte sogar daran, das Projekt zu beerdigen.“

Doch Alain Zanchetta machte weiter. „Dazu ermuntert hat mich auch Raphael Rossel, der mein Trasporta-Projekt gleich doppelt unterstützt: Zum einen in seiner Funktion als Geschäftsführer der IKEA-Stiftung Schweiz, die das Projekt von Beginn an fördert. Zum anderen als mein Headcoach beim Creative Hub.“ Direkt im Anschluss an sein Studium zum Objektdesign an der Hochschule Luzern hatte sich Zanchetta beim Creative Hub für das Coaching-Programm beworben und konnte die Jury einstimmig überzeugen. „Die Creative Link Seminare haben mir viel gegeben. Ich habe gelernt, Struktur in meine Projekte zu bringen, mir Deadlines zu setzen und vor allem: nicht nur als Designer, sondern auch als Unternehmer zu denken.“

Für den Designer endgültig der Startschuss für die professionelle Vermarktung der Tasche: „Zurzeit baue ich meine Initialen AZ zur Marke AtoZED aus und will dann zügig mit dem E-Commerce starten. Die Arbeit geht also jetzt erst richtig los, und hier kann ich meine Learnings aus dem Creative Hub Coaching super nutzen.“ 

Noch legt Zanchetta bei jeder Tasche selbst Hand an, gemeinsam mit Näherinnen in der Schweiz und Italien. Bei wachsendem Erfolg wird er auch hier unternehmerische Entscheidungen treffen müssen. Zanchetta: „Ich will ja auch nicht nur bei der Tasche bleiben, sondern weitere nützliche Produkte kreieren.“

Das Trasporta-Projekt empfindet er als entscheidenden Trigger: „Es hat mir geholfen, meinen Blick aufs Alltägliche zu verändern und dabei verschiedene Perspektiven einzunehmen. Das will ich noch ganz viel nutzen. Für ein Design, das für alle zugänglich ist.

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